Die Frage nach der rich­ti­gen Er­näh­rung oder gar dem rich­ti­gen Leben wird nicht nur an­ge­sichts der Tier­wohl-De­bat­te immer re­le­van­ter. Wer al­lein schon wegen der Qua­len, die un­se­re zwei- und vier­bei­ni­gen Fleisch­lie­fe­ran­ten in der Mas­sen­tier­hal­tung er­lei­den müs­sen, auf to­ta­len Ver­zicht setzt, hat mein vol­les Ver­ständ­nis. Wobei das nicht sein müss­te, wenn man auf der an­de­ren Seite die­je­ni­gen Pro­du­zen­ten un­ter­stüt­zen würde, die für eine art­ge­rech­te Tier­hal­tung sor­gen – was al­ler­dings mit deut­lich hö­he­ren Prei­sen ver­bun­den ist.

Wer nicht aus Geiz, son­dern aus er­näh­rungs­tech­ni­schen oder ethi­schen Grün­den auf Fleisch und Fisch ver­zich­ten möch­te, soll­te das selbst­ver­ständ­lich auch tun dür­fen. Wie sinn­voll eine ve­ge­ta­ri­sche oder ve­ga­ne Er­näh­rung ist, kann dis­ku­tiert wer­den. Schlie­ß­lich strei­tet sich auch die Fach­welt in­nigst dar­über, was genau und wie­viel davon der mensch­li­chen Ge­sund­heit zu- oder eher ab­träg­lich ist.

Wer sich al­ler­dings von den ver­meint­lich ge­sün­der, weil fleisch­los Er­näh­ren­den, voll auf die ver­lo­cken­den An­ge­bo­te der Le­bens­mit­tel­in­dus­trie an „Er­satz“-Pro­duk­ten stürzt, der ist wo­mög­lich auch in der fal­schen Rich­tung un­ter­wegs. Sei es das Tofu-Ge­schnet­zel­te „Typ Hähn­chen“ oder die „Beyond-Meat-Pat­ties“ und ihre be­reits zahl­rei­chen Nach­ah­mer-Bu­let­ten aus Erb­sen, Lin­sen und raf­fi­nier­tem Ko­kos­fett: durch­wegs In­dus­trie­wa­re, die in letzt­lich frag­wür­di­gen Pro­duk­ti­ons­pro­zes­sen ent­steht und mit eben­so frag­wür­di­gen Hilfs­zu­ta­ten wie Aro­men und Ge­schmacks­ver­stär­kern da­her­kommt. Flei­scher­satz durch Bio­pro­te­in-Mas­sen­wa­re mag der neue Bör­sen­hype sein, aber der neue Er­näh­rungs­trend?

Der SZ-Autor Mar­ton Rolff fragt sich des­halb zu­recht: „Wieso ist das wich­tigs­te Ziel, Pflan­zen so lange im Labor zu be­ar­bei­ten, bis sie wie Tier schme­cken?“ Und er ver­steht nicht, warum sich „Ve­ga­ner, Ve­ge­ta­ri­er oder Fle­xi­ta­ri­er der­ma­ßen un­wi­der­spro­chen der Le­bens­mit­tel­in­dus­trie aus­lie­fern?“ Wo bleibt da die Koch­kunst, auch aus rein pflanz­li­chen Zu­ta­ten schmack­haf­te Ge­rich­te hin­zu­be­kom­men, wie es sie bei­spiels­wei­se in der in­di­schen, oder an­de­ren fern­öst­li­chen Kü­chen gibt?

Wolff gei­ßelt die „herd­fer­nen“ und mit wenig Koch-Know-how ge­seg­ne­ten Ge­rich­te der ve­ge­ta­ri­schen und ve­ga­nen Küche als eben­so phan­ta­sie- wie ge­schmack­los. Auf Pflan­zen­ba­sis ge­fer­tig­te „Nach­bau­ten“ von Schnit­zeln, Hüh­ner­schle­geln und Bur­gern kön­nen doch nicht die Lö­sung sein? Denn der Ge­schmack und der Ge­nuss blei­ben dabei un­zwei­fel­haft auf der Stre­cke. Dabei hat Rolff den Ver­zicht als neues Sta­tus­sym­bol aus­ge­macht: „In so­zia­len Netz­wer­ken trägt man Er­näh­rungs­sti­le zur Image­pfle­ge vor sich her. Ums Ko­chen geht es dabei immer sel­te­ner. Ge­schmacks­ver­lust als Kol­la­te­ral­scha­den der Welt­ret­tung“.

Also zu­rück zum Thema „ge­sun­der“ Er­näh­rung, die ge­ra­de jetzt in der Co­ro­na-Virus-Zeit viel zu na­tür­li­chen Ab­wehr­kräf­ten bei­trägt. Was man aus rein pflanz­li­chen Zu­ta­ten alles ma­chen kann zei­gen am bes­ten Köche, die gerne mit Fleisch ko­chen. Und die alle wich­ti­gen Im­pul­se für die neue Ge­mü­se­kü­che lie­fern – von Farm-to-table-Kon­zep­ten bis zur Fer­men­ta­ti­on. „Es sind Köche, die den Fleischein­satz längst re­du­zie­ren; nicht per Dogma, son­dern suk­zes­si­ve, durch nach­hal­ti­ges Wirt­schaf­ten und immer bes­se­res Wis­sen; so wie es einer guten, mo­der­nen und na­tur­na­hen Küche an­ge­mes­sen ist“.

Ich denke mal, dabei wird der Ge­nuss be­stimmt nicht zu kurz kom­men. Und die­ser be­rei­tet Le­bens­freu­de – ge­ra­de jetzt ex­trem wich­tig! Das Schlech­te um­gibt uns, lasst uns das Ge­nie­ßen fei­ern – geht üb­ri­gens auch im engs­ten (er­laub­ten) Kreis oder al­lei­ne.

Karin Ba­cher und Team